Brauchtum und Geschichte

Fasnachtsbräuche lassen sich in Haigerloch über viele Jahrhunderte zurückverfolgen. Der erste urkundliche Beleg findet sich im Haigerlocher Stadtbüchle von 1457, dem ersten geschriebenen, von der Erzherzogin Mechthild – Haigerloch stand damals unter vorderösterreichischer Herrschaft – verliehenen Stadtrecht. Darin ist erwähnt, dass die Bürger am “äschrigen” Mittwoch 1 Pfund Heller von der Herrschaft für ihre gemeinsame Zeche bekamen, ein Brauch, der sich über Jahrhunderte erhielt.

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Regelmäßige Fasnachtsumzüge lassen sich in Haigerloch bis in das Jahr 1606 nachweisen. Der Brauch der Fasnetsküchle als herrschaftliche oder kirchliche Gabe ist seit 1652 belegt und die “Unsitte” des Fasnachtsbegrabens ab 1778 beschrieben.

Einer der ältesten, noch bestehenden Haigerlocher Fasnetsbräuche ist das Bräuteln, das erstmals 1860 durchgeführt wurde und bis heute in nahezu unveränderter Form abgehalten wird. Es handelt sich dabei um einen in einigen Hohenzollerischen Städten geübten Brauch, der möglicherweise auf alte Fruchtbarkeitsriten zurückgeht, vielleicht aber auch auf die Zeit nach dem 30-jährigen Krieg zur Aufmunterung der Lebenslust im Allgemeinen und der Heiratslust im Besonderen. Heute wird das Bräuteln als ein Aufnahmeritus in die örtliche Gemeinschaft gesehen und findet alle 4 Jahre, jeweils im Schaltjahr am Vormittag des Fasnetsmontag von 9 Uhr bis Schlag 12 Uhr statt. Die Bräutelkandidaten, alle Mannsleut, die in den letzten 4 Jahren zugezogen sind, gebaut oder geheiratet haben, werden unter den Klängen des Bräutelmarsches auf der ca. 3m langen und mit einem Sitzpolster versehenen Bräutelstange dreimal um den Marktplatzbrunnen getragen und anschließend durch Eintauchen der linken Fußspitze in das Brunnenwasser in die Narrengemeinschaft aufgenommen. Organisiert und abgehalten wird das Bräuteln von der Bräutelgesellschaft, einer Abteilung der Narrenzunft, die aus ledigen jungen Männern ab 16 Jahren, den Bräutelbuben, besteht. Diese haben bereits am vorausgegangen “Auseliga Dauschtig” das Bräuteln im Städtle ausgerufen und die Bräutelkandidaten eingeladen .

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Weitere Bestandteile der Haigerlocher Fasnet sind

  • das Häsauslufta am Abend des Dreikönigstags, welches aus dem früheren, erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts genannten “Butzenspringen” hervorging, mit dem, schwäbisch-alemannischem Brauchtum folgend, die Fasnet in Haigerloch eröffnet wird;
  • die Kinderfasnet am “Auseliga Dauschtig” (in anderen Gegenden Schmotziger Donnerstag genannt) mit der morgentlichen Schulkinderbefreiung und dem Auswerfen durch die “Dominos” sowie dem Kinderumzug und dem Kinderball am Nachmittag;
  • das Fasnetsausrufen am Abend des “Auseliga” mit dem Absetzen des Stadtschultes und der Machtübernahme durch den Zunftmeister der Narrenzunft.
  • Straßenfasnet mit Narrentreiben und einem kleinen aber feinen Umzug bilden den Schwerpunkt am Fasnetsmontag, dem Hauptfasnetstag in Haigerloch. Dabei treten die historischen Narrenfiguren etwas in den Hintergrund und machen bunten, phantasievollen Kostümgruppen Platz, die ständig durch Straßen und Lokale ziehen.
  • Am Abend des Fasnetsdienstag schließlich wird die Fasnet nach einem Fackel- und Lampionumzug unter lautem Weheklagen verbrannt, bevor es abschließend noch zum Kehraus geht..
  • Ergänzt werden diese Veranstaltungen mit der Saal- und Wirtshausfasnet, einigen fröhlich-stimmungsvollen Fasnachtsbällen und Kappenabenden.

 

Auf eine lange Tradition kann die Narrenzunft Haigerloch bei der Herausgabe von Narrenzeitungen zurückblicken. So stammt das älteste bekannte Exemplar aus dem Jahre 1898. Nach mehrfachen Unterbrechungen wird diese Tradition heute mit dem Narrenblättle “Der Städtlesrutscher”, dem “nichtamtlichen Intelligenzblatt” erfolgreich fortgesetzt. Wie in den früheren Narrenzeitungen werden im “Städtlesrutscher” auf humorvolle Weise lustige Begebenheiten des Ortsgeschehens dargestellt. Dabei kommt auch die Schadenfreude über kuriose Missgeschicke der Mitbürger nicht zu kurz.

Übrigens ist “Städtlesrutscher” ein sogenannter Übername oder Neckname für die Haigerlocher.
Wegen der topographischen Verhältnisse rutschte früher im Winter wohl so mancher aus und auf seinem Hosenboden “´s Städtle naa”.